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Führt die Widerspruchslösung zu Crowding-out bei Lebendorganspenden? Antwort offen.

Organspenden

Kommentar von Stefan Felder zur Studie von Güntürkün u.a. (2025): Der behauptete Rückgang von Lebendorganspenden nach Einführung der Widerspruchslösung erweist sich als nicht robust. Pandemieeffekte – nicht Opt-out-Regeln – erklären die beobachteten Veränderungen.

Ein soeben veröffentlichter Kommentar von Stefan Felder stellt zentrale Ergebnisse einer vielbeachteten Studie zu Opt-out-Regelungen bei der Organspende infrage. Die Arbeit von Güntürkün et al. (2025) hatte behauptet, dass die Einführung der Widerspruchslösung zwar keinen klaren Effekt auf postmortale Organspenden habe, aber zu einem signifikanten Rückgang von Lebendorganspenden führe.

Felder zeigt nun, dass dieser angebliche “Crowding-out”-Effekt nicht robust ist. Die ursprünglichen Resultate hängen stark von der Zusammensetzung der Kontrollgruppe und von methodischen Annahmen zur zeitlichen Wirkung der Reform ab. Besonders Länder mit stark schwankenden Spenderzahlen wie die Türkei und Zypern verzerren laut Felder die Vergleichsgruppe und verletzen die zentrale Paralleltrend-Annahme der Difference-in-Differences-Methode.

Zudem datieren Güntürkün et al. den Beginn des Behandlungseffekts vor und verschieben damit die COVID-19-Pandemie in die Behandlungsperiode. Wird diese Annahme korrigiert, verschwindet der negative Effekt auf Lebendspenden vollständig, während sich für postmortale Spenden sogar ein statistisch signifikanter Anstieg zeigt.

Die beobachteten Rückgänge bei Organspenden nach 2020 lassen sich laut Felder überzeugender durch pandemiebedingte Einschränkungen erklären – eine Einschätzung, die auch Berichte des National Health Service sowie neuere Studien aus Grossbritannien stützen.

Insgesamt kommt Felder zum Schluss, dass es derzeit keine belastbaren kausalen Hinweise darauf gibt, dass Opt-out-Regelungen Lebendorganspenden verdrängen. Auch der von Güntürkün et al. postulierte verhaltensökonomische Mechanismus bleibt empirisch unbelegt.

Crowding-out effects of opt-out defaults: Evidence from organ donation policies | PNAS Nexus | Oxford Academic

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